Die Zukunft braucht mehr Dezentralisierung

Die Zukunft braucht mehr Dezentralisierung

Zu dem Thema dieses Artikels gibt es auch eine Folge in meinem Podcast:

Zentralisierung ist doof

Unser Leben ist massiv von zentralen Institutionen geprägt: "Soziale" Netzwerke wie Facebook, Twitter, Youtube und co. beliefern uns Konsument*innen mit Inhalten, Whatsapp und Signal sind zentrale Schnittstelle für unsere Kommunikation, und Dienste wie Microsoft Teams, Slack oder Zoom steuern heutzutage den Arbeits- oder Schulalltag. All diese Dienste agieren mehr oder weniger zentralisiert.

Was ist Zentralisierung überhaupt?

Zentralisierung beschreibt sowohl das Konzentrieren verschiedener (gegebenenfalls ähnlicher) Aufgaben oder Dienste zu einem Einheitlichen (Dienst), aber auch das Einschränken dieser Dienste auf eine bestimmte Plattform. So kann ich auf Whatsapp und Signal nur mit anderen Nutzer*innen kommunizieren, die selbst Whatsapp oder Signal haben, auf Facebook nur mit meinen Freund*innen schreiben, die auch auf Facebook sind, auf Youtube auch nur Videos und Filme schauen, die auch auf Youtube sind, ...

An sich klingt das vielleicht etwas trivial, aber was spricht denn im Prinzip dagegen, dass man mit einem Facebook-Account auch Twitter-Feeds abbonieren kann? Wieso zeigt Youtube nicht auch Videos von Vimeo an (oder andersherum)? Und wieso braucht jeder Messenger des riesigen Konzern Facebook (Facebook Messenger, Instagram und Wahtsapp) eine eigene App? Wäre die digitale Welt nicht viel einfacher, wenn ich mir einfach meine Plattform aussuchen könnte und von der Plattform unabhängig mein Publikum ansprechen oder Inhalte konsumieren kann?

Der "Netzwerkeffekt"

Aber das wollen die Plattformen nicht. Das, was sie so besonders, so ansprechend und individuell macht, sind ja eben genau ihre Nutzer*innen. Das Netzwerk bestimmt das Bestehen einer Plattform. Und aus wirtschaftlicher Sicht ist dieses Bestreben auch vollkommen nachvollziehbar.

Indem ich meine Plattform so baue wie ich sie haben will, kann ich beliebig viel Werbung schalten, beliebig viel Nutzer*inneninformationen mittracken, analysieren, profitieren. Wenn ich mehr Nutzer*innen auf meiner Plattform halte, mehr Marktmacht besitze, kann ich dirigieren, wie mit Nutzer*innendaten umgegangen wird. Facebook verdient knapp 30$ pro User*in. Da wäre es ja blöd diese auf eine andere Plattform einfach so ausweichen zu lassen. - Und das ist ja irgendwo auch verständlich - es sind ja immer noch alles profitorientierte Unternehmen.

Aber das ist sehr oft nicht wirklich gut für die*den Konsument*in. Klar ist es sehr praktisch, dass ich an einem Ort allen Content finde den ich haben möchte - dass ich an einem Ort mit all meinen Kontakten kommunizieren kann - aber das geht ja nur, wenn diese Plattformen schon selbst Monopole sind. Und mit Monopolen kommt die Gefahr.

Fehlende Regulierung

Die Regierung hinkt schon länger dem Internet hinterher. "Das Internet ist für uns alle Neuland" ist ein Spruch der häufig fällt und einfach so dahingenommen wird. Abgesehen von dem immer noch sehr schleppenden Breitbandausbau, den horrenden Mobilfunk- und Internetpreisen, einer kläglichen Inkompetenz der Regierung was den "Cyberspace" angeht, gibt es auch noch ein massivste Lücken in Sachen Regulatorien. "Move fast and break things" - das Motto von Facebook - hat funktioniert. Facebook war schneller als die Politik. Persönliche Daten werden gesammelt - und nicht zuletzt bei der Präsidentenwahl in den USA haben wir gelernt, dass ein Missbrauch dieser Daten längst nicht mehr nur das Internet betrifft. Clearview.ai hat gezeigt, wie "Soziale" Netzwerke sogar ohne die Zustimmung der Netzwerke selbst missbraucht werden können um riesige Datenbanken mit Menschen zu erstellen. (Clearview.ai bietet eine Bildersuche an, welche mit Milliarden von öffentlichen Bildern sozialer Netzwerke gefüttert wurde - und trotz Verbot durch die "Sozialen" Netzwerke weiter Bilder dieser geklaut und für eigene Zwecke genutzt hat.)

Unsere Daten werden missbraucht, unser Nutzverhalten analysiert und zu Geld gemacht. Wir werden gezwungen gleich auf mehreren Plattformen unterwegs zu sein, weil Inhalte auf diesen doch verschieden sind. Ich kann schlicht und ergreifend nicht über Whatsapp mit Menschen schreiben, die nur Telegram haben.

Zentralisierung hört nicht beim Internet auf

Nur weil im Internet sehr häufig Zentralisierung stattfindet heißt das nicht, dass sie nur dort auftritt. Ich will für den folgenden Teil nochmal betonen, dass Zentralisierung nicht direkt schlecht bedeutet, oder sogar oft in gewissem Maße sinnvoll, aber auch mit Hürden.

Ein sehr gutes Beispiel für Zentralisierung in der "realen" Welt ist die Stromversorgung. Auch wenn es hier nicht direkt ein Monopol gibt, ist die Stromversorung selbst doch im Kern noch zentralisiert: Es gibt einzelne Kraftwerke, die als große Einheit Strom an die Verbraucher*innen verteilen.

Dieses Prinzip ist erstmal sehr einleuchtend und sogar durchaus sinnvoll, da zum Beispiel ein Kern- oder Kohlekraftwerk erst ab einer bestimmten Größe gut funktioniert, effizient oder überhaupt möglich ist. Hier also zu zentralisieren ist erstmal richtig.

Wo die Stromversorgung aber aktuell anfängt an Grenzen oder Probleme zu stoßen sind die erneuerbaren Energien: Plötzlich soll auf der Verbraucher*innenseite, die ja eigentlich nur Leitungen zum "Empfangen" hat, auch Strom in die andere Richtung geschickt werden. Ergebnis sind Begrenzungen für die Stromeinspeisung von Privatverbrauchern und komplizierte Bürokratie für ein Überschreiten dieser Begrenzungen. Außerdem ist die Frage eines stabilen Netzes auch noch weitesgehend ungeklärt (und wird teilweise bedauerlicherweise mit einem "das Europäische Verbundnetz gleich das schon aus" beantwortet, was nur andere Länder zum schmutzigen Strom zwingt) - Und Hürden in der Bewegung hin zu mehr erneuerbaren Energieren können wir wirklich nicht brauchen.

Dezentralisierung kann einige dieser Probleme lösen

Um gleich bei dem Strombeispiel zu bleiben: Wenn das Stromnetz ungebaut werden würde, so dass eine Stromverteilung zwischen Haushalten einfacher möglich wäre, dann müsste der Strom nicht mehr einmal quer über die "großen", zentraleren Verteiler laufen, sondern könnte direkt von Haus zu Haus gehen. Eine Leitung wäre quasi bidirektional, kleine Verauchsschwankungen werden zwischen Haushalten selbst ausgeglichen und dadurch vermindert. Weil das jedoch mit erheblichem technischen Aufwand verbunden ist und ich in diesem Thema auch nicht so unglaublich belesen bin, möchte ich wieder zu dem Internet zurückkehren, wo dezentralisierte Strukturen einfacher und auch schneller ausprobiert und vielleicht sogar auch etabliert werden können.

Die Frage ist erstmal, wie denn so etwas ausschaut oder überhaupt ausschauen könnte. Anstatt die Inhalte und den Zugriff eines sozialen Netzwerks zu zentralisieren, werden diese dezentralisiert. Aber was bedeutet das?

Basis für einen solchen Austausch legen Kommunikationsschnittstellen zwischen den verschiedenen Portalen, die es jeweils selbst autarken Instanzen möglich machen mit anderen zu kommunizieren. Ein Standard der diese Kommunikation ermöglich, der auch inzwischen weit verbreitet und etabliert ist, ist Activity-Pub. Auf diesem aufbauend gibt es schon verschiedenste Projekte die verschiedene Bereiche der Plattformlandschaft im Internet abbilden und einige soziale Netzwerke ersetzen (können). Mastodon/Pleroma als Alternative zu Twitter, Friendica als Alternative zu Facebook, Pixelfed als Alternative zu Instagram, Peertube als Alternative zu Youtube....

Aber was genau bringt das jetzt denn überhaupt? Eine Plattform zu betreiben kostet ja Geld, mehr Server die Daten hin- und herschieben auch, all das kostet ganz viel Strom und am Ende will ich ja nur die neusten Tweets lesen.

Es gibt uns Nutzer*innen eine deutlich größere Unabhängigkeit von zentralen Dienstleister*innen. Dadurch, dass ich mir meine eigene Instanz wählen kann (oder sogar auch selbst aufsetzen), kann ich als Konstumen*in selbst entscheiden, ob und wie ich möchte, dass mit meinen Daten umgegangen wird. Ich kann souverän entscheiden, ob ich mit Werbung beschmissen werde oder doch einfach für den Dienst bezahle. Und wir alle sind nicht mehr davon abhängig, dass irgendein Dienst für immer läuft und unsere Posts behält. Meine Daten gehören wieder mir.

Interessanterweise gibt es sogar Drittanbieter-Schnittstellen, die zum Beispiel versuchen Twitter auch in das "Fediverse" (das Föderierte, also nicht zentralisierte Netzwerk) einzubinden.

Doch die Dezentralisierung hört lange nicht dort auf: Das oft mit einem zu schlechten Ruf versehene "torrenting" basiert darauf, dass jede*r, der*die eine Datei heruntergeladen hat, diese auch wieder selbst zum Download anbietet und somit die Netzwerklast (die oft auch mit Kosten verbunden ist) von einem*r einzige*n Anbieter*in abzunehmen. Peertube integriert dieses Prinzip zusätzlich zum Activity-Pub gleich in den Videodienst.

Im Kern sind Kryptowährungen auch aus dem Versuch heraus entstanden, die zentrale Institution "Bank" als zentralisierte Vertrauensbasis abzuschaffen und das Vertrauen auf das Netzwerk zu übertragen. Die technische Umsetzung dieser Idee (und die ganzen Probleme die mit Kryptowährung einhergehen) ist aber eine Sache für einen ganz eigenen Artikel....

Dezentralisierung ist selbst nicht perfekt

Auch wenn ich die letzten Absätze sehr über die Dezentraliserung geschwärmt habe, ist diese selbst absolut nicht perfekt sondern hat selbst mit sehr sehr vielen Problemen zu kämpfen. Eine große Frage ist die nach dem Vertrauen. Wenn ich über eine Instanz weitergegeben bekomme, was eine andere Instanz anzeigt, muss ich darauf vertrauen, dass diese mir keinen Unsinn erzählt.

Doch können selbst dadurch wieder neue Probleme entstehen: Bitcoin nutzt zum sicherstellen der "Vertrauenswürdigkeit" der Blockchain ein Verfahren, was nach dem sogennanten "Proof of Work" funktioniert - Die Wahrheit wird dadurch sichergestellt und überprüft, dass unermesslich viel Arbeit notwendig wäre um die Blockchain zu fälschen. Die Wahrheit selbst ist überprüfbar als quasi "aufwendigste" Blockchain die existiert.

Ergebnis von ganz viel Misstrauen und Dezentralisierung sind Parallelstrukturen und damit in gewissem Maße auch Ressourcenverschwendung. Am Ende ist all das auch "nur" ein Abwägen der Kosten und Nutzen.

Was also tun mit der Dezentralisierung?

Wie mit so vielem ist die Welt nicht schwarz und weiß. Aktuell gibt es einen unglaublichen Boom in der Kryptowährungsindustrie, Blockchain ist ein Buzzword mit dem man sich Förderung und Startupkapital in ungeahnten Höhen besorgen kann, alles wird "intelligent", "vernetzt" und auch wenn diese Begriffe nicht äquivalent zur Dezentralisierung sind, besteht doch ein Trend in diese Richtung. Die Frage ist wie immer, wie man mit diesen neuen Möglichkeiten Verantwortungsbewusst und sinnvoll umgeht. Ob man wirklich so lange an der Währung "Bitcoin" hängen bleibt, dort unglaublich viel Strom verbrennt und damit sogar noch die Klimakrise weiter antreibt, oder ob man den Ansatz der Dezentralisierung nutzt um freier und Datensparsamer zu kommunizieren.

Abgesehen davon ist ein dezentralisiertes Stromnetz unglaublich sinnvoll, insbesondere dadurch, dass ja doch vermehrt Elektroautos unsere Straßen befahren, welche Nachts oder auch Tagsüber wenn sie rumstehen, sofern sie natürlich mit dem Stromnetz verbunden sind, auch als Pufferbatterie funktionieren könnten (und das sogar teilweise auch schon tun), immer mehr Häuser selbst mit Solar Strom produzieren und dieser Trend auch in Anbetracht der Klimakrise sich nicht verlangsamen sondern eher beschleunigen sollte.

Dezentralisierung ist aber natürlich auch nicht die Lösung aller Probleme und sollte auch nicht als solche angesehen werden. Es wird immer Gründe geben, bestimmte Sachen aufgrund von örtlichen Bedingungen zu Zentralisieren - sowohl im Internet als auch in der "realen" Welt.

Lukas Schulz